Die Musikschuldirektorin

12Nov14

Im Welser Herminenhof ist die größte Landesmusikschule Oberösterreichs beheimatet. Geleitet wird sie von einer Frau: Martina Franke. Sie ist unsere erste Gesprächspartnerin in der neuen Reihe „Gesprächsstoff“. Das Interview führte Andrea Bauer.

Foto: Andrea Bauer / Martina Franke unterrichtet seit 1988, erst in Kirchdorf an der Krems, danach folgten Leonstein, Neumarkt Kallham, Thalheim und schließlich Wels. Seit 7. Jänner 2010 – also gleichzeitig mit der Eröffnung der Schule im Herminenhof – leitet sie die Welser Musikschule.

Warum wird man Musikschuldirektorin?

Ich habe Geige und Klavier als Zweitfach studiert, später auch Bratsche. Meine Begeisterung fürs Unterrichten ist eine ganz große, speziell was Orchesterarbeit und Orchesteraufbau anbelangt. Irgendwann war es mir zu wenig, ich wollte mehr in meinem Bereich wirken und wurde Fachgruppenleiterin für den Fachbereich Streicher. Parallel habe ich in Wien Kulturmanagement studiert. Ich war auf der Suche nach einer Erweiterung meines Berufsfeldes, sowohl das Unterrichten als auch das Organisieren waren für mich spannend. Schon zuvor hatte ich die Organisation der oö. Sommerorchesterwochen übernommen. Das ist ein relativ großes Projekt mit sieben Orchesterwochen landesweit, beginnend bei den ganz Kleinen bis hin zum Jugendsymphonieorchester. Ursprünglich hatte ich vor, zwei Perioden als Fachgruppenleiterin tätig zu sein und mich später um eine Leitungsposition zu bewerben. Es ist anders gekommen, da mein Vorgänger in Wels, Peter Schneeberger, leider sehr plötzlich und unerwartet verstorben ist. Nach anfänglichen Zweifeln, ob es vielleicht zu früh ist, habe ich mich beworben. Dass es eine so große Schule wird, damit habe ich nicht gerechnet – aber es ist natürlich eine ganz besondere Freude, dass es Wels wurde.

Was hat sich geändert, seit Sie die Schule leiten?

Die Gegebenheiten sind natürlich weitere und größere als vorher im Schloss Pollheim, die Möglichkeiten für die LehrerInnen, sich zu entfalten und ihre Klassen zu präsentieren sind gänzlich andere. Im vergangenen Schuljahr hatten wir 191 hauseigene Veranstaltungen, das war vorher räumlich nicht möglich. Es gibt zwar nicht mehr Dienstposten, aber rund 700 Schülerinnen und Schüler mehr als vorher (wobei die meisten mehrere Fächer belegen). Ein großes Thema für mich ist die Streicherförderung, nicht nur weil ich Geigerin bin, sondern auch, weil es in Wels ein Symphonieorchester gibt, was nicht in jedem Ort der Fall ist, und dieses Orchester braucht Nachwuchs. Wir haben das Glück, dass es sehr viele StreicherlehrerInnen in der Schule gibt, es war mir wichtig, hier verstärkt am Aufbau zu arbeiten und das hat sich sehr gut entwickelt. In Wels gibt es die lebenslange Möglichkeit, ein Streichinstrument zu spielen, von den Anfänger-Ensemblegruppen über die „Jungen Mozarts“ und dem Orchester der Musikschule bis hin zum städtischen Symphonieorchester. Ich habe in London eine Ausbildung für Unterricht mit Kindern ab dem dritten Lebensjahr absolviert. Das ist eine Methode, bei der die Kinder nicht sofort mit dem Notensystem konfrontiert werden, sondern nach Farben lernen. Vor zwei Jahren habe ich mit dem Großgruppenunterricht Streicher für Kinder begonnen. Es funktioniert sehr gut, heuer haben wir bereits fünf Gruppen. Der Vorteil ist, dass wir mehr SchülerInnen aufnehmen können. Denn leider ist es nach wie vor so, dass sehr viele Kinder auf der Warteliste stehen. Und es tut mir ehrlich gesagt richtig weh, wenn wir Kindern den Unterricht nicht ermöglichen können. (siehe auch unten „Das ist neu“)

Das heißt es bräuchte eigentlich mehr Lehrpersonal?

Das ist richtig. Platzmäßig müssten wir experimentieren und jegliches Zeitpotential ausnutzen, aber ich freue mich über jeden neuen Dienstposten. Wir sind zufrieden mit der derzeitigen Situation, das möchte ich betonen, aber es fällt mir sehr schwer, SchülerInnen abzuweisen.

Kinder haben sehr viel Programm, kaum Freizeit, inwieweit ist da noch Platz für Begeisterung?

Es ist sehr schwierig, Stundenpläne zu erstellen, weil die Kinder sehr ausgelastet sind. Aber auf der anderen Seite ist es natürlich toll, dass die Kinder heute so viele Möglichkeiten haben. Früher mussten wir uns entscheiden: entweder Ballett oder Singen. Und das Instrument betreffend war es ebenso: ich musste erst Blockflöte lernen und nach zwei Jahren Überzeugungsarbeit (mit Unterstützung meines Gesangslehrers) durfte ich Geige lernen. Die Eigenkreativität kann stark in den Hintergrund geraten, wenn ständig Programm und kaum mehr Platz ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Aber es ist natürlich schön, wenn Kinder vieles machen können, was sie selbst gerne möchten.

Wie ist das im Unterricht? Steht Leistung oder Spaß im Vordergrund?

Ich glaube, das wichtigste ist die Motivation, überhaupt musikalisch etwas zu machen. Ein Baby hat diesen Urinstinkt, Geräusche zu erzeugen. Das ist ein normaler Entwicklungsprozess von Anfang an. Das Spielerische, gerade in der Früherziehung oder auch im Großgruppenunterricht, ist ganz wichtig. Und vor allem, dass sich Kinder wohl fühlen und Freude haben, etwas für sich zu entdecken, das spannend und lustig ist. Und mit einem lachenden Gesicht hinausgehen und sich auf die nächste Stunde freuen. Mit dieser Motivation und der Neugier lernt ein Kind. Diese Entwicklung dann so zu steuern, dass man das Kind motivierend zu Leistungen führt, die es erreichen kann, ist die Kunst des Unterrichtens.

Auf der Website der Musikschule findet man den Begriff „Musikalische Integration“ – was ist damit gemeint?

Wir haben eine Lehrkraft, die direkt in der Lebenshilfe Wels SchülerInnen mit Beeinträchtigung unterrichtet. Es ist toll, mit welcher Begeisterung die Kinder tanzen, singen und musizieren. Diese Stunden sind sehr, sehr wertvoll und ich bin froh, dass das Musikschulwerk so etwas anbietet. Darüber hinaus gibt es mehrere Lehrkräfte, z.B. in Blockflöte und Gitarre, die SchülerInnen mit Beeinträchtigung in unserer Schule unterrichten.

Wie sieht das Geschlechterverhältnis bei den SchülerInnen und LehrerInnen aus?

Von den SchülerInnen sind 65 % weiblich und 35 % männlich. Das ist in etwa gleich bleibend in den letzten zehn Jahren. Dasselbe gilt für die Lehrkräfte, es sind mehr weibliche als männliche und es bewerben sich auch mehr Frauen. Auf Landesebene liegt der Frauenanteil bei 54 %, in Wels ist er sogar noch höher – hier unterrichten 39 Lehrerinnen und 29 Lehrer.

Aber „der Musikschuldirektor“ ist nach wie vor männlich. Der Frauenanteil liegt in Oberösterreich etwa bei 19 %. Woran liegt das?

Ich glaube, wir sind nach wie vor sehr in unserem traditionellen Familienbild verhaftet: der Mann verdient das Geld, die Frau erzieht die Kinder. Selbst wenn man versucht, anders zu denken, ist das sehr stark verinnerlicht. Die Aufgabe, die Eltern zu erfüllen haben, ist ja nicht mit Beginn des Kindergartens vorbei. Mein Job ist sehr fordernd, erfordert viel Zeit und auch viel Verständnis von Seiten des Partners. Man schaut nicht auf die Uhr, sondern muss einen hohen Zeitaufwand investieren wollen. Es ist sehr schwierig, diese Frage zu beantworten und ich glaube, es gibt nicht „die“ Antwort auf diese Frage, sondern es ist eine Summe vieler Faktoren, aber die Familienfrage spielt sicher eine große Rolle. Eine Familie zu leben und mit diesem Job unter einen Hut bringen zu können, stellen sich viele sehr schwierig vor.

Es ist interessant, dass der Anteil an Schülerinnen und Lehrerinnen stark überwiegt und dennoch der Frauenanteil in Institutionen wie etwa den Wiener Philharmonikern verschwindend gering ist. Wird sich das ändern?

Ich glaube schon, dass es sich ändert, der Weg ist vorgezeichnet. Allein wenn man sich die Anzahl der Studienabgängerinnen ansieht. Bei den Orchestern sieht man allerdings schon, dass sich immer mehr Frauen bewerben und nachrücken und diese Männerdomäne aufgebrochen wird, was sehr positiv ist. Auch das Gegenteil ist spannend, es gibt Bereiche, wie im Tanz, in die nun auch verstärkt Burschen den Zugang finden und es nicht mehr eine reine Mädchendomäne bleibt.

Die Schule ist einerseits eine der größten Kultureinrichtungen in Wels und als Bildungseinrichtung die größte Landesmusikschule Oberösterreichs. Wie sehen Sie die Rolle in der Stadt?

Ich glaube, dass die Schule einen sehr hohen Stellenwert in der Bevölkerung hat. Der rege Zuspruch zeigt, dass wir die kulturelle Bildungseinrichtung der Stadt sind. Bei uns kann man fast alle Instrumente lernen, in Tanz und Gesang ausgebildet werden. Auch unser „Concerto“, unser schöner Saal, kennen viele. Dort finden u.a. auch die Kammermusikabende der Kulturabteilung statt. Wie ist die Zusammenarbeit mit den anderen hier beheimateten Einrichtungen? Sehr gut. Vor allem mit der Stadtbücherei gibt es eine tolle Synergie: Eltern bringen die Kinder zum Unterricht und besuchen inzwischen die Bücherei, es gibt überall im Haus Verweilzonen, in denen man lesen kann und auch die Kinder gehen wieder viel mehr in die Bücherei.

Gibt es Wünsche an die Politik?

Wie schon gesagt, wünschenswert wäre mehr Personal, um lange Wartelisten zu vermeiden. Wir sind dankbar, wie viel erreicht wurde, denn wir haben es wirklich sehr gut hier. Auch die Politik ist uns wohlgesonnen. Ich habe das Gefühl, dass wir total akzeptiert sind.

Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute!

 

MUSIKSCHULE WELS

2.400 Schülerinnen und Schüler
68 Lehrerinnen und Lehrer
mehr als 50 verschiedene Unterrichtsfächer

191 Veranstaltungen (Vortragsabende, Konzerte) im Haus mit mehr als 6.000 BesucherInnen
Veranstaltungen außer Haus (Stadttheater, Stadthalle, Minoriten, Seniorenheime, Kirchen, …) mit ca. 6.800 BesucherInnen

www.musikschulewels.at

DAS IST NEU

Bläserklassen
MusikschullehrerInnen unterrichten Blasinstrumente in Volksschulen – integriert in die Tagesbetreuung der Schule, eine Stunde pro Woche. Damit können viele Kinder erreicht werden, die sonst keinen Zugang zur Musikschule hätten: die LehrerInnen präsentieren die Instrumente, die Kinder können Leihinstrumente ausprobieren und kommen so auf den Geschmack, ein Instrument zu erlernen.

Seniorencafé
Jugendliche kommen ins Altersheim und musizieren für die SeniorInnen. Eine Konzertstunde pro Monat mit Lesung, jedes Monat in einem anderen Haus. Zusammengearbeitet wird mit allen städtischen Seniorenhäusern.

Stade Stund
Ein Projekt in der Vorweihnachtszeit in den Seniorenheimen und in der Krankenhauskapelle. Für jene, die nicht in die Kapelle kommen können, wird das Konzert im Radio in die Zimmer übertragen.

Veröffentlicht: REIZEND! Ein Stadtmagazin Ausgabe #9 – November 2014

siehe auch: Tag der Musik

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