#Aufschrei

07Mai13

über den alltäglichen Sexismus

Zu Beginn des Jahres ging ein #Aufschrei durch die Medienwelt, bei dem die Themen Sexismus und sexuelle Belästigung intensiv diskutiert wurden.

Wie alles begann: Mitte Jänner berichtete die Journalistin Annett Meiritz im Spiegel darüber, wie sie die Frauenfeindlichkeit der Piratenpartei kennengelernt hat. Kurze Zeit später schilderte die Journalistin Laura Himmelreich im stern unter dem Titel „Der Herrenwitz“ ihre Erlebnisse mit dem Politiker Rainer Brüderle zu fortgeschrittener Stunde an einer Hotelbar:

Brüderles Blick wandert auf meinen Busen. „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie. „Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen.“ „Herr Brüderle“, sage ich, „Sie sind Politiker, ich bin Journalistin.“ „Politiker verfallen doch alle Journalistinnen“, sagt er. Ich sage: „Ich finde es besser, wir halten das hier professionell.“ „Am Ende sind wir alle nur Menschen.“

Vor allem zweiterer Artikel wurde als „Tabubruch“ bezeichnet – ein Tabubruch, der in weiterer Folge eine mediale Diskussion auslöste, in der erstmals das oftmals fragwürdige Verhalten von Politikern gegenüber Journalistinnen thematisiert wurde.

Eine vielschichtige Debatte entsteht

Etwa zur selben Zeit veröffentlichte die Bloggerin Maike ihren Blogpost „Normal ist das nicht!“, in dem sie persönliche Erfahrungen mit Alltagssexismus schilderte und über Belästigungen und die Auswirkungen auf ihr Leben schrieb. Der Text verbreitete sich sehr schnell und führte dazu, dass viele Frauen ebenfalls anfingen, von ihren eigenen Erlebnissen zu erzählen. Vor allem auf Twitter: Jeder Tweet schilderte eine übergriffige Situation. Etwas später an diesem Tag rief die Kommunikationsberaterin Anne Wizorek dazu auf, die Erlebnisse gebündelt unter dem Sammelbegriff #Aufschrei zu posten. Das löste eine Lawine aus, mit der wohl die wenigsten gerechnet haben: 60.000 Tweets waren es innerhalb nur einer Woche!

Seit Ende Jänner bis heute werden Erlebnisse von Frauen zu Sexismus (aber auch Rassismus u.a.) auf der Website www.alltagssexismus.de gesammelt. Das können „Kleinigkeiten“ wie dumme Sprüche sein, aber auch über tätliche Übergriffe von Grapschereien, Nötigung bis hin zu Vergewaltigung wird berichtet – und darüber, wie sich die Betroffenen zur Wehr setzen, sowie über die Nicht-Reaktionen von Anderen – alles hat Platz. Denn: „Sexismus ist keine Bagatelle, sondern ein ernsthaftes Problem, das wir nicht akzeptieren wollen“ ist auf der Startseite zu lesen.

Diese Seite zeigt besonders eindringlich, dass Sexismus nach wie vor ein großes Problem darstellt, dass Frauen und Männer nach wie vor nicht gleichgestellt sind (was aber im Umkehrschluss nicht heißt, dass automatisch alle Frauen Opfer und alle Männer Täter sind!).

Die Fülle an geschilderten Erlebnissen zeigt, dass wir in einer sexistischen Gesellschaft leben, die sexuelle Übergriffe meist nur belächelt, da sie strafrechtlich so gut wie nie relevant sind.

Medial, menschlich

Das Besondere an dieser Debatte war unter anderem die Ergänzung der Medien online und offline und die dadurch entstandene Vielschichtigkeit – die „traditionellen“ Medien (Print, TV und Funk) diskutierten vor allem die Folgen der beiden eingangs erwähnten Artikel, im Internet (vor allem Twitter und Blogs) hingegen wurde sehr persönlich diskutiert, was zu einer wesentlich weiter führenden Debatte über Alltagssexismus an sich, verbale und tätliche Übergriffe, die auf allen Ebenen der Gesellschaft passieren, führte.

Besonders lebendig und greifbar machte die Diskussion, dass sie sich nicht nur auf ExpertInnen beschränkte, sondern die vielen Erfahrungsberichte von „ganz normalen Menschen“ ebenfalls ihren Platz hatten. Dies war in dieser Form zuvor nicht möglich und wurde durch die Vielzahl an Plattformen im Internet begünstigt und führte erst dadurch zu einer gesellschaftlichen Relevanz. Ohne die vielen mutigen Stimmen, die unter #Aufschrei laut wurden, hätte die Debatte dieses Ausmaß nicht erlangt.

Was bleibt?

Nach diesem ersten #Aufschrei, der durchaus als Startschuss verstanden werden kann, ist es wichtig, die Debatte am Leben zu halten, um wirklich gesellschaftliches Bewusstsein für die Problematik Sexismus / sexuelle Belästigung zu schaffen. Doch um eine Abkehr von unserer sexistischen Gesellschaft tatsächlich herbeizuführen bedarf es zeitgemäßem und verantwortungsvollem Handeln in den Bereichen Medien, Bildung und in der Politik. Vor allem sind wir alle selbst gefordert, unsere eigenen Verhaltensweisen immer wieder aufs Neue zu reflektieren.

Veröffentlicht: REIZEND! Ein Stadtmagazin Ausgabe #6 – Mai 2013

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