Prinzessin oder Superhero spielen was sich gehört?

04Jun12

Klischees bewusst entgegenwirken – freie Entwicklung fördern!


Foto: Tobi Stadler

Geschlechtssensible Pädagogik hat entgegen böswilliger Unterstellungen nicht das „Verweiblichen von Buben und das Vermännlichen von Mädchen“ zum Ziel, sondern die Schaffung von fairen Ausgangsbedingungen für alle Kinder – unabhängig vom Geschlecht!

Die geschlechtertypische Prägung beginnt gleich nach der Geburt. Obwohl die Auswirkungen rollenspezifischer Erziehung bekannt sind, fehlen nach wie vor umfassende pädagogische Konzepte und Rahmenbedingungen, die Mädchen und Buben gleiche und geschlechtsunabhängige Entwicklungschancen einräumen. Bemühungen zur Schaffung von Chancengleichheit von Mädchen und Buben müssen möglichst früh einsetzen, noch bevor Geschlechterzuschreibungen und Rollenverhalten fest einzementiert sind und solange Berührungsängste und gegenseitige Vorurteile im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Kinderschuhen stecken.

Dem Kindergarten – als erste Bildungseinrichtung – kommt daher enorme Bedeutung beim Aufbrechen alter Rollenmuster und beim Aufzeigen neuer Wege zu. Die geschlechtssensible Kleinkindpädagogik vermittelt einen geschlechterbewussten Umgang miteinander auf Grundlage der Genderforschung und sollte daher fixer Bestandteil jedes Kindergartenleitbildes sein. Was ist geschlechtsspezifische Kleinkindpädagogik?

Spielerisch

Geschlechtssensible Kleinkindpädagogik soll Mädchen und Buben zu einem gleichberechtigten und vorurteilsfreien Umgang miteinander anleiten. Rollenklischees sollen wahrgenommen und überwunden werden, Konfliktfähigkeit, partnerschaftlicher Umgang sowie emotionale Ausdrucksmöglichkeiten jenseits von Rollenbildern sollen gefördert werden.

Die individuelle Förderung der Kinder, aufbauend auf ihren Interessen und Begabungen, hat die Entfaltung der Persönlichkeit ohne geschlechtsspezifische Einschränkungen zum Ziel. Dadurch eröffnen sich für Mädchen und Buben neue Perspektiven, ihre Handlungsmöglichkeiten werden erweitert – über die traditionellen Rollenklischees hinaus.

Dies kann durch bestimmte Veränderungen der Umwelt und der Struktur des Kindergartens sowie durch den Einsatz neuer pädagogischer Methoden gelingen. Natürlich gibt es eine große Bandbreite, inwieweit das Konzept der geschlechtssensiblen Kleinkindpädagogik umgesetzt wird von Einzelmaßnahmen bis hin zur Änderung des Grundkonzepts eines Kindergartens. In der Folge eine Auswahl an Umsetzungsmöglichkeiten:


Foto: Tobi Stadler

Personal

Ein wesentlicher Faktor zur erfolgreichen Umsetzung einer geschlechtssensiblen Pädagogik ist das Kindergartenpersonal. Kinder sollen sowohl männliche als auch weibliche Betreuungspersonen und diese auch in unterschiedlichen Rollen erleben. Die Kinder haben dadurch die Chance zu sehen, dass Frauen und Männer die gleichen Dinge tun können und wechselseitig Aufgaben voneinander übernehmen. Die Wichtigkeit von männlichen Bezugspersonen im Kindergartenbetrieb steht außer Frage, stellt jedoch auch ein Problem dar, denn nach wie vor sind in Kindergärten überwiegend Frauen tätig. Es braucht also verstärkt Initiativen für mehr männliches Kindergartenpersonal.

Räume

Im Konzept einer geschlechtsspezifischen Kleinkindpädagogik soll es keine speziellen Mädchen- und Bubendomänen geben, fixe Spielbereiche, wie etwa Bau- oder Puppenecken, werden aufgelöst und offene Spielbereiche geschaffen. Die Spielorte sollen keine vorbestimmte Zuordnung erhalten. Dadurch soll vermieden werden, dass Mädchen in Bubenbereiche „eindringen müssen“ und umgekehrt.

Mädchen und Buben sollen dennoch die Möglichkeit haben, getrennt voneinander jeweils dem anderen Geschlecht zugeschriebene Bereiche oder Tätigkeiten kennenzulernen. Dies kann durch einen (getrennten) Mädchen und Bubentag ermöglicht werden. Die Kinder können ihre Erfahrungen an den getrenntgeschlechtlichen Tagen erproben und festigen und somit auch in der gemischten Gruppe sicher anwenden.

Pädagogische Methoden

Auch eine bewusstere Auswahl an Büchern und Liedtexten ist im Sinne einer geschlechtssensiblen Kleinkindpädagogik wichtig. Das ist kein ganz einfacher Bereich, herrscht doch in vielen Kinderbuch-Klassikern das Bild der kochenden Mütter und arbeitenden Väter, die lediglich abends präsent sind, vor.

Ein wichtiger Aspekt ist, Sensibilität für die Sprache zu wecken – und hierbei auch die Eltern einzubeziehen. Ziel ist die konsequente Anwendung von männlichen und weiblichen Begriffen im alltäglichen Sprachgebrauch. Das ist wichtig und notwendig, denn nur wer angesprochen wird, wird zur Kenntnis genommen und fühlt sich tatsächlich angesprochen.

Weiters sollen Mädchen lernen, Nein zu sagen, sich zu wehren und zu verteidigen. Buben hingegen, Frustrationen zu ertragen oder Hilfe zu holen, da sie nicht alles alleine schaffen müssen.

Elternarbeit

Auch die Elternarbeit ist in einem Kindergarten, der nach dem Modell einer geschlechtssensiblen Pädagogik geführt wird, unverzichtbarer Bestandteil. Offenheit und Transparenz sind dafür wichtige Grundlagen. Über die Mütter und Väter wird ein zentraler Teil des Lebensumfeldes der Kinder aktiv miteinbezogen. Da die Erfahrung zeigt, dass Mütter in der Kleinkindererziehung wesentlich präsenter sind als Väter, werden Informationen gezielt auch an Väter gerichtet. Die Väter werden bewusst miteinbezogen und eingeladen, sich aktiv zu beteiligen. Durch die verstärkte Einbindung beider Elternteile wird versucht, auch zu Hause Bewusstseinsbildung zu erreichen.

Die Nachhaltigkeit all dieser Maßnahmen ist natürlich nur dann garantiert, wenn die geschlechtssensible Pädagogik auch Einzug in den Volksschulen und den weiterführenden Schulen hält.

Veröffentlicht: REIZEND! Ein Stadtmagazin Ausgabe #4 – Juni 2012

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