Ab heute arbeiten wir gratis!

01Nov11

„Es scheint ein Tag wie jeder andere zu sein, doch das stimmt leider nicht: Während mein Kollege Markus auch den Rest des Jahres weiter verdient, arbeite ich ab heute ‚gratis‘. Und das, obwohl wir dieselbe Arbeit verrichten, dieselbe Leistung in derselben Zeit erbringen. Dennoch hat er jetzt schon so viel am Konto wie ich erst am Ende des Jahres haben werde. Warum ist seine Arbeit um so viel mehr wert als meine?“

So oder ähnlich hätte der Bericht einer Angestellten oder Arbeiterin am 4. Oktober dieses Jahres – dem Equal Pay Day – aussehen können. An diesem Tag haben unselbstständig beschäftige Männer bereits das verdient, was Frauen erst am Jahresende verdient haben werden. Der Equal Pay Day soll auf diese Ungleichheit, diesen Missstand aufmerksam machen.

Denn leider hat sich – nach all den Jahren des Kampfes gegen die Einkommensunterschiede von Frauen und Männern – nur sehr wenig geändert. Noch immer verdienen Frauen in Österreich rund 25 % weniger als ihre männlichen Kollegen. Frauen arbeiten hierzulande also alljährlich fast drei Monate länger als Männer, um dasselbe Einkommen zu erzielen.

Situation in Wels

Bei weitem drastischer als die gesamtösterreichische Situation ist jene in Wels und Wels-Land. Laut Bericht der Arbeiterkammer („Frauenmonitor 2011, Arbeiterkammer OÖ, Die Lage der Frauen in Oberösterreich“) verdienen Arbeiterinnen und weibliche Angestellte in Wels 34,2 % – in Wels-Land sind es sogar 41 % – weniger als männliche Arbeiter oder Angestellte.

Verglichen wird hierfür das Medianeinkommen oder mittlere Einkommen – das bedeutet, dass die Hälfte weniger und die Hälfte mehr verdient. (Mediaeinkommen von weiblichen Angestellten und Arbeiterinnen brutto Wels-Stadt: 1482 Euro, Wels-Land: 1294 Euro)

Obwohl immer wieder Teilzeit als einer der wesentlichen Gründe ins Treffen geführt wird, betragen die Verdienstunterschiede selbst bei Vollzeitbeschäftigung 26 % in Wels und 30,8 % in Wels-Land.

Schlusslicht

Tragisch ist auch, dass Österreich im EU-Vergleich besonders schlecht abschneidet: so gab im Jahr 2006 nur in Estland und der Slowakei größere Gehaltsunterschiede. Im Jahr 2007 fiel Österreich gar auf den vorletzten Platz zurück, da die Slowakei einen leichten Rückgang der Verdienstunterschiede verzeichnete, während die Situation in Österreich unverändert blieb (Quelle: „Frauenbericht 2010, Bericht betreffend die Situation von Frauen in Österreich im Zeitraum von 1998 bis 2008“, Bundeskanzleramt Österreich, Bundesministerin für Frauen und öffentlichen Dienst).

Und das Land Oberösterreich stellt den Negativ-Spitzenreiter der größten Einkommensunterschiede österreichweit dar.

Ursachenforschung

Mögliche Begründungen der Einkommensunterschiede, die sich durch alle Arbeitsbereiche und Branchen ziehen, gibt es viele. Ein Grund ist die Berufswahl an sich: wer sich für eine sogenannte frauendominierte Branche entscheidet muss mit wesentlich weniger Geld rechnen als in männerdominerten Bereichen.

Es herrscht zudem eine ungleiche Verteilung der Karenzzeiten – der Anteil an Männern, die sich entschließen, bei den Kindern zu bleiben, ist gering. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist ebenfalls verschwindend, und das, obwohl Frauen in Österreich so gut ausgebildet sind wie nie zuvor! Teilzeitarbeit ist ein Grund, ebenso die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch die fehlende Transparenz in Gehaltsverhandlungen.

Doch ein Großteil der Verdienstunterschiede bleibt unerklärt und lässt sich nur auf die tatsächliche Diskriminierung weiblicher Arbeitsleistung zurückführen!

Was ist zu tun?

Der Österreichische Städtebund (dem Wels angehört) fordert ein Bündel an Maßnahmen:

  • Einkommenstransparenz
  • Aufbrechen von geschlechterspezifischer Berufswahl (Mädchen in „Männerberufe“, Burschen in „Frauenberufe“)
  • Erhöhung der Vollzeitbeschäftigung von Frauen durch gerechte Aufteilung der Familienarbeit (Halbe-Halbe)
  • Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen (Quoten)
  • Neubewertung von Arbeit (z.B. Aufwertung personenbezogener Dienstleistungen wie Pflege, Kinderbetreuung)
  • Öffentliche Auftragsvergabe und Wirtschaftsförderung gekoppelt an Gleichstellungsmaßnahmen in Betrieben

Equal Pay Day

So lange diese Verdienstunterschiede bestehen, so lange keine Verbesserungen eintreten, so lange Änderungen nur so schleppend vorangehen, so lange wird uns auch der Equal Pay Day noch ‚begleiten’ –  doch das Ziel ist, dass es diesen Tag der Entgeltgleichheit, den Equal Pay Day, nicht mehr gibt!

Veröffentlicht: REIZEND! Ein Stadtmagazin Ausgabe #3 – November 2011


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